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Köperbindung

Einführung

Die Köperbindung (im englischen für 4-Loch-Brettchen meistens als double faced 3/1 (broken) twill bezeichnet) ist eine Weiterentwicklung des doppelseitigen Webens. Vermutlich wurde diese Technik in Zentraleuropa im frühren Mittelalter entwicklet, Peter Collingwood spricht von Funden aus dem 6. Jahrhundert im skandinavischen Raum (Evebø, Snartemo, Setrang). Aus dem Mittelalter sind in jedem Fall einige wunderschöne Bänder in dieser Technik erhalten geblieben, so z.B. der Gürtel des Witgarius († 876 n.Chr.), die Manipel des St. Ulrich († 973 n.Chr., Augsburg) oder die Stola des St. Bernard († 1153 n.Chr., Arlon).

Köper (Ausschnitt) Die sogenannte Köperbindung ist keine echtes Köpergewebe, aber die sich ergebende Struktur mit der in dieser Technik gewebten Bänder erinnert mit ihren typischen Schräglinien stark an echtes Köpergewebe (siehe Ausschnitt rechts).

Die Köperbindung gehört zu den schwierigsten Webtechniken beim Brettchenweben und ist daher für Anfänger zunächst nicht zu empfehlen. Wer sich an ein Band in Köpertechnik macht, sollte auf jeden Fall zunächst einige Erfahrung in der Technik des doppelseitigen Webens erlangt haben. Der besondere Reiz der Köperbindung liegt in zwei Punkten:

Anleitung

Die folgende Anleitung basiert auf der Art und Weise, in der ich die Technik auf einem Brettchenwebseminar in Potshausen im Herbst 2001 bei Jacob van Scharrenburg erlernt habe. Diese Anleitung unterscheidet sich von der bspw. bei Staudigel genannten Anleitung. Peter Collingwood nennt in seinem Buch zwei Methoden, eine Köperbindung zu weben: Die Einpäckchen-Methode und die Zweipäckchen-Methode. Ich beschreibe zunächst die Methode, die mit einem Päckchen arbeitet, da mir diese Methode für das Verständnis der Köperbindung intuitiver scheint. Die Zweipäckchen-Methode, mit der sich ein Köper schneller und effizienter weben lässt, ist auf einer seperaten Seite beschrieben. Welche Methode verwendet wird, ist letztendlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Man sollte die Methode wählen, mit der man besser zurecht kommt.

Schärung

Die folgenden Angaben zum Schären beziehen sich nur auf die Brettchen des Mittelfeldes, ein Rand wird wie gewohnt zusätzlich benötigt. Die Brettchen werden zunächst wie beim doppelseitigen Weben mit zwei Farben in nebeneinander liegenden Löchern bezogen. Alle Brettchen werden in der gleichen Richtung (entweder S- oder Z-Richtung) geschärt oder nach dem Schären in die gleiche Richtung gestellt. Im Unterschied zum doppelseitigen Weben stehen die Brettchen zu Beginn des Webvorganges jedoch nicht alle in der gleichen Position, sondern alle Brettchen sind zueinander um ein Loch (oder eine Vierteldrehung) verschoben. Die Verschiebung erfolgt allerdings nicht vollständig zyklisch, sondern in der Art, dass - legt man die Positionen des doppelseitigen Weben zugrunde - die Brettchen zyklisch in den Positionen I bis IV geschärt werden. Dass heißt, in den Löchern der Oberseite (Löcher AD) kann immer nur eine Farbe in beiden Löchern vorkommen. Die Löcher AD sind entweder mit beiden Farben bezogen (entspricht den Positionen I oder III beim doppelseitigen Weben) oder beide mit einer Farbe, die dann aber in allen Brettchen immer die gleiche Farbe ist (entspricht den Positionen II oder IV beim doppelseitigen Weben). Analoges gilt für die Löcher der Unterseite (Löcher BC). Der Schärbrief sieht bspw. wie folgt aus (in diesem Beispiel sind alle Brettchen in S-Richtung geschärt bzw. in Z-Richtung gestellt):

Schärung Köper

Zur Vereinfachung der folgenden Beschreibungen weiche ich nun - wie auch viele andere Quellen - von der Positionsnumerierung des doppelseitigen Webens ab. Für die folgenden Beschreibungen werden die Positionen der Brettchen beim Weben wie folgt numeriert:

Köper - Positionen

Webvorgang

Vom Prinzip her müsste nun der Webvorgang für eine einfarbige Fläche klar sein. Die Karten werden wie beim doppelseitigen Weben immer im Rhythmus vor-vor-rück-rück gedreht. Ich verwende in den folgenden Beschreibung wieder V für ein Viertelvorwärtsdrehung, R für eine Viertelrückwärtsdrehung:

Drehung der Brettchen

Betrachtet man obigen Schärbrief, so ist das Brettchen ganz links (ich bezeichne es als erstes Brettchen, das nächste als zweites Brettchen usw.) anders positioniert als beim doppelseitigen Weben. Es befindet sich in Position II. Damit die dunkle Farbe für dieses erste Brettchen erhalten bleibt, muss es VRRV gedreht werden. Im zweiten Brettchen sind die dunklen Farben zum Webbeginn in den Löchern AB (Position I) wie beim doppelseitigen Weben, die Brettchen müssen also VVRR gedreht werden. Im dritten Brettchen sind wie im ersten die dunklen Fäden in den Löchern AD (Position II). Es wäre also naheliegend, das Brettchen ebenfalls wie das erste Brettchen VRRV zu drehen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Besonderheit der Köperbindung beim Weben ist die, dass alle vier nebeneinander liegende Brettchen immer um eine Vierteldrehung versetzt gedreht werden. Das dritte Brettchen ist also RVVR zu drehen. Das vierte Brettchen ist wieder einfach zu handhaben: Die dunklen Fäden sind in den Löchern CD (Position III), das Brettchen wird demnach RRVV gedreht.

Beim Weben einer Köperbindung werden - wie auch beim doppelseitigen Weben - Webebriefe erstellt, in denen für jedes Brettchen angegeben ist, wann es vorwärts und wann rückwärts zu drehen ist. Für die ersten vier Brettchen des Beispiels ergäbe sich folgender Webebrief:

Drehung für KöperbindungWebebrief für Köperbindung

Anstelle von V und R werden in den Webebriefen - wie in der rechten Abbildung dargestellt - zur besseren Lesbarkeit Farben (hier dunkelgrau) oder Symbole für Rückwärtsdrehungen verwendet, leere Stellen in den Webebriefen stehen für Vorwärtsdrehungen. Wie gewohnt werden Webebriefe von unten nach oben abgearbeitet, d.h. die erste Drehung (Zeile 1) steht im Webebrief in der untersten Zeile.

Köperrichtung

Köper (Richtung) Wird nun ein Band in Köperbindung gewebt, so sind in der Struktur zwei Richtungen zu erkennen. In der rechten Abbildung sind diese Richtungen durch einen roten bzw. einen gelben Pfeil markiert. Die Richtung mit stumpferen Winkel (roter Pfeil) wird bei Collingwood zur Bezeichnung der Köperrichtung herangezogen. Der Pfeil steht in Z-Richtung, die Köperrichtung wird daher ebenfalls als Köper in Z-Richtung bezeichnet. Manche Authoren oder Referenten sprechen in diesem Falle auch davon, dass der Köper nach rechts läuft.

Köper (Richtung) Betrachtet man den Webebrief, so wird ebenfalls die Z-Richtung klar, die dunklen, eine Rückwärtsrichtung symbolisierenden Felder stehen in Z-Richtung (siehe rechts). Möchte man einen Köper in S-Richtung weben, so ist ensprechend zu Webbeginn die Richtung der Brettchen zu ändern, bei denen in den beiden Löchern der Oberseite die gleiche Farbe geschärt ist. Es ergäbe sich damit folgender Webebrief:


Drehung für KöperbindungWebebrief für Köperbindung

Die Schärung der Brettchen spielt übrigens keine Rolle für die Struktur der Köperbindung. Die Struktur bildet sich allein aus der Richtung der Kartendrehungen heraus.

Köper (Senkrechte Position) Bei der Köperbindung wird also jedes Brettchen für sich betrachtet gedreht. Dies erscheint sehr kompliziert und erfordert zudem die Vorlage durch einen Webebrief (es sei denn, man ist bereits sehr, sehr erfahren mit der Köperbindung). Es gibt jedoch für die Einpäckchen-Methode eine einfache Faustregel zum Weben der einfarbigen Fläche: Bei einem Köper in Z-Richtung ergibt sich eine Struktur von links nach rechts (der rote Pfeil, das "Z", läuft von links unten nach rechts oben). Beim Weben wird nun das Brettchenpäckchen von links beginnend betrachtet. Für jedes Brettchen in "senkrchter" Position I oder III (d.h. gleiche Farben in den Löchern AB und CD, siehe Abbildung rechts), ist die Drehrichtug des Brettchens durch die Position des Brettchens eindeutig festgelegt. Dann kann das links von diesem Brettchen stehende Brettchen bei der durchzuführenden Drehung in die gleiche Richtung mitgedreht werden:

Drehung für Köperbindung (Beispiel)

Wie beschrieben, werden die Brettchen von links betrachtet. Das erste Brettchen ist das Brettchen Nummer 1 und steht in Position I, die dunkle (zu webende) Farbe zum Weber. Das Brettchen muss also als nächste Drehung vorwärts gedreht werden. Ein Brettchen weiter links, welches mitzudrehen wäre, gibt es nicht.

Das nächste Brettchen in "senkrechter" Position ist das Brettchen Nummer 3 in Position III. Die dunkle Farbe ist vom Weber weg, also muss das Brettchen 3 zusammen mit seinem linken Nachbarn (Brettchen 2) als nächstes rückwärts gedreht werden (usw. für Brettchen 5, 7, ...).

Wie man an diesem Beispiel leicht sieht, werden immer zwei Brettchen gemeinsam betrachtet und gemeinsam gedreht. Die Faustregel lautet: Zum Weben eines Köpers in Z-Drehung werden die Brettchen von links nach rechts betrachtet und die in Position I oder III stehenden Brettchen mit ihrem linken Nachbarn gemeinsam gedreht, zum Weben eines Köpers in S-Drehung werden die Brettchen von rechts nach links betrachtet und die in Position I oder III stehenden Brettchen gemeinsam mit ihrem rechten Nachbarn gedreht.

Farbwechsel

Die Farbwechsel werden bei der Köperbindung in der Einpäckchen-Methode genau wie beim doppelseitigen Weben durch eine solche Änderung des Drehrhythmus erzeugt, dass das Brettchen, welches die Farbe wechseln soll, viermal in eine Richtung gedreht wird und so eine einfache Schnurbindung erzeugt. In diesem Fall ist natürlich die Schärung des Brettchens zu beachten:

Werden diese beiden einfachen Regeln beachtet, sollte das Entwerfen von Webebriefen für Motive in Köperbindung kein Problem mehr sein. Die beiden folgenden Webebriefe zeigen, wie bei einem vollständig in S-Richtung geschärten Band eine Diagonale in den beiden Richtungen erzeugt werden kann:

Webebrief für Z-DiagonaleWebebrief für S-Diagonale
Z-DiagonaleS-Diagonale

Köper (Flottierung) Zu beachten ist die Art und Weise, wie die Drehungen zum Farbwechsel für eine S-Diagonale beim ersten und dritten Brettchen von links erfolgen. Im vorangegangenen Abschnitt wurde bereits deutlich, dass einfarbige Flächen immer durch abwechselndes Drehen jedes Brettchens zweimal vor und zweimal rück entstehen. Farbwechsel entstehen durch viermaliges Drehen entsprechend der gewünschten Diagonalen. Dies ist aber nicht immer möglich, wie das erste und dritte Brettchen für die S-Diagonale zeigen. Es müssen "Hilfsdrehungen" eingearbeitet werden, in der Zeichnung rechts mit grünen Kreisen markiert. Diese Drehungen werden als Flottierung bezeichnet, der Kettfaden läuft bei einer Flottierung über mehrere Schußfäden.

Für eine Flottierung wird ein Brettchen immer einmal vorwärts und einmal rückwärts gedreht. Eine Flottierung wird als Farbwechsel oder vorbereitend für einen Farbwechsel eingesetzt. Wird eine Flottierung für einen Farbwechsel eingesetzt, ergibt sich anstelle einer viermaligen Drehung demnach eine dreimalige Drehung, gefolgt von einer Drehung in Gegenrichtung, so dass die Brettchen danach wieder in einer gewohnten Ausgangsstellung sind. Wird eine Flottierung vorbereitend für einen Farbwechsel eingesetzt (wie im Beispiel oben rechts), so ergibt sich erst eine Drehung in der Richtung, die das Brettchen beim Weben der einfarbigen Fläche hätte, gefolgt von drei Drehungen in Gegenrichtung.

Die in den vorangegangenen Absätzen beschriebenen Prinzipien für Farbwechsel bei der Köperbindung sind unbedingt zu beachten, wenn eigene Motive entwickelt werden, die in Köperbindung gewebt werden. Der geschickte Einsatz von Flottierungen dient dann dazu, Muster und Flächen strukturell sauber und farblich klar zu gestalten. Eine Grundidee hierzu ist bspw., dass vorbereitend auf ein Motiv mit Z- und S-Diagonalen bereits in der davorliegenden, einfarbigen Fläche die Köperstruktur so gewechselt wird, dass der einfarbige Köper in der Richtung der Diagonalen gewebt ist. Wie dies am effektivsten erreicht werden kann und welche weiteren Möglichkeiten es bei der Köperbindung gibt wird im Abschnitt über Muster in Köperbindung erläutert.

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© 15.10.2001 Guido Gehlhaar